Der eigentliche Unterschied entsteht erst in der Umsetzung — Wie Europa KI vom Hype in den Alltag bringt
Dr. Florian Schütz ist Geschäftsführer des KI Park e.V. und treibt dort den Aufbau eines europäischen Innovationsökosystems für Künstliche Intelligenz voran. Mit seinem Hintergrund in Technologie-Transfer und langjähriger Erfahrung bei der Fraunhofer-Gesellschaft verbindet er Forschung, Wirtschaft und Praxis.
Im Interview spricht er darüber, warum Europa beim Thema KI jetzt ein entscheidendes Zeitfenster hat, weshalb viele Projekte im Experimentierstatus stecken bleiben – und was Unternehmen konkret tun müssen, um KI erfolgreich in ihre Organisation zu integrieren.

Florian, du hast den KI Park als Innovationsökosystem mit aufgebaut. Was ist aus deiner Sicht die wichtigste Mission des Vereins – und was treibt dich persönlich an, KI-Technologien in Europa voranzubringen?
Die wichtigste Mission des KI Park ist für mich, KI in Europa in die Anwendung zu bringen. Wir haben in Europa sehr starke Voraussetzungen: exzellente Forschung, industrielle Kompetenz, hochrelevante Anwendungsfelder und einen klaren Anspruch an vertrauenswürdige Technologien. Entscheidend ist aber, diese Stärken nicht nebeneinander stehen zu lassen, sondern sie in einem handlungsfähigen Ökosystem zusammenzuführen. Genau dafür steht der KI Park: als neutrale Plattform, die Akteure aus Industrie, Mittelstand, Start-ups, Wissenschaft und öffentlichem Sektor verbindet, damit aus technologischer Dynamik konkrete Umsetzung entsteht.
Mich persönlich treibt an, dass Europa beim Thema KI jetzt ein Zeitfenster hat, das wir nutzen müssen. Die Frage ist nicht mehr, ob KI ganze Branchen und Wertschöpfungsketten verändern wird, sondern wer diese Entwicklung aktiv mitgestaltet. Ich möchte dazu beitragen, dass Europa dabei nicht nur Anwender fremder Technologien bleibt, sondern eigene Stärken in Lösungen, Partnerschaften und neue Innovationskraft übersetzt. Mich motiviert vor allem, Brücken zu bauen: zwischen Forschung und Praxis, zwischen Technologie und Anwendung und zwischen strategischem Anspruch und operativer Umsetzung.
„Die Frage ist nicht mehr, ob KI ganze Branchen verändert – sondern wer diese Entwicklung aktiv mitgestaltet.“
Viele Organisationen sehen KI noch vor allem als Technologie-Thema. Was braucht es wirklich, damit ein funktionierendes Innovationsökosystem entsteht?
Ein funktionierendes Innovationsökosystem entsteht nicht allein durch gute Technologie, sondern durch die richtige Verbindung von Akteuren, Interessen und Umsetzungskraft. Entscheidend ist zunächst eine gemeinsame Richtung: Alle Beteiligten müssen ein klares Verständnis davon haben, welche Herausforderungen sie mit KI lösen wollen und welchen konkreten Mehrwert sie schaffen möchten.
Dazu braucht es die richtigen Partner am Tisch – also nicht nur Technologieanbieter, sondern ebenso Anwenderinnen und Anwender, Fachbereiche, Start-ups, Wissenschaft, Infrastrukturpartner und, wo relevant, auch Regulierung und öffentliche Hand. Innovation entsteht gerade bei KI fast nie isoliert, sondern dort, wo unterschiedliche Kompetenzen produktiv zusammenkommen.
Mindestens genauso wichtig ist aber die Orchestrierung dieser Zusammenarbeit. Ein Ökosystem funktioniert nur dann, wenn es Vertrauen schafft, Orientierung gibt und aus Kontakten tatsächliche Projekte macht. Viele sprechen über Vernetzung – der eigentliche Unterschied entsteht aber dort, wo aus Vernetzung Zusammenarbeit wird und aus Zusammenarbeit Umsetzung.
„Viele sprechen über Vernetzung – der Unterschied entsteht dort, wo aus Vernetzung Umsetzung wird.“
Welche konkreten KI-Anwendungsfälle siehst du heute schon als erfolgreich umgesetzt?
Gerade im Finanzsektor sehen wir bereits sehr konkrete Anwendungsfelder. Ein wichtiges Beispiel sind Themen wie KYC (Know Your Customer – Identitätsprüfung im Finanzbereich), bei denen KI helfen kann, Prozesse effizienter und skalierbarer zu gestalten.
Gleichzeitig liegen die größten Hebel oft in Querschnittsbereichen: Dokumentenverarbeitung, Wissensmanagement, Controlling oder HR – überall dort, wo große Mengen an Informationen verarbeitet werden müssen.
Die Stärke des KI Park liegt darin, diese Use Cases in einen echten Umsetzungszusammenhang zu bringen. Gerade im Finanzsektor ist das besonders wertvoll, weil viele Herausforderungen ähnlich sind, aber nicht jedes Institut jede Lösung allein entwickeln muss. So entsteht Schritt für Schritt kollektiver Fortschritt.
Was unterscheidet erfolgreiche KI-Projekte von denen, die im Experimentierstatus bleiben?
Erfolgreiche KI-Projekte starten nicht bei der Technologie, sondern bei einem klaren geschäftlichen Problem. Entscheidend ist außerdem, dass solche Projekte nicht in einer isolierten Innovations- oder IT-Ecke bleiben, sondern von Anfang an eng mit den Fachbereichen verbunden sind.
Projekte bleiben dagegen oft im Experimentierstatus, wenn sie zwar technisch interessant sind, aber keinen klaren operativen Anker haben. Erfolgreich sind die Organisationen, die früh an Skalierung mitdenken: also an Governance, Schnittstellen, Kompetenzen und messbaren Mehrwert.
„Der Unterschied liegt zwischen einem Demo-Case – und einer Lösung, die Teil des Arbeitsalltags wird.“
Wie können Mitglieder konkret profitieren?
Mitglieder profitieren im KI Park auf drei Ebenen: Orientierung, passende Partner und schnellere Umsetzung. Häufig muss man nicht bei null anfangen, sondern kann auf Erfahrungen anderer aufbauen oder direkt in einen Proof of Concept (PoC – erste Umsetzungsphase eines Projekts) einsteigen.
Gerade für Organisationen mit begrenzten Ressourcen ist das ein großer Hebel.
Wo sollten Unternehmen anfangen?
Ich würde Organisationen raten, mit einem klar umrissenen Anwendungsfall zu starten – nicht mit dem größtmöglichen Transformationsversprechen.
Ein sinnvoller Einstieg kann über eine KI-Plattform erfolgen, die Mitarbeitende aktiv einbindet und erste Anwendungen in einem sicheren Rahmen ermöglicht. Die besten Ideen entstehen oft direkt in den Fachbereichen.
Welche KI-Trends siehst du aktuell?
Der prägendste Trend ist Agentic AI – also Systeme, die nicht nur Inhalte erzeugen, sondern eigenständig Arbeitsschritte ausführen.
Gerade im Finanzsektor sehen wir das bereits in Bereichen wie Fraud, Compliance oder Kundenservice. Die Herausforderung liegt dabei weniger in der Technologie als in ihrer Integration in reale Organisationen.
Welche Fähigkeiten müssen Führungskräfte entwickeln?
Führungskräfte müssen drei Dinge entwickeln:
ein Grundverständnis von KI, die Fähigkeit zur Priorisierung und die Kompetenz, Veränderung organisationell zu führen.
Hinzu kommt die Fähigkeit, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Gute Führungskräfte schaffen Orientierung und verbinden Ambition mit Verantwortungsbewusstsein.
Welche Entscheidung sollten Unternehmen jetzt treffen?
Unternehmen sollten KI nicht mehr als Nebenthema behandeln, sondern als strategische Kernfrage.
Der Wettbewerbsvorteil entsteht nicht durch einzelne Tools, sondern dadurch, dass KI dort eingesetzt wird, wo Wertschöpfung entsteht.
Was wird überschätzt – und was unterschätzt?
Überschätzt wird die Einführung einzelner sichtbarer Anwendungen wie Chatbots.
Unterschätzt wird die tiefgreifende Veränderung im Hintergrund – dort, wo Prozesse, Entscheidungen und Abläufe neu organisiert werden.
Welche Entscheidung würdest du niemals einer KI überlassen?
Mit solchen „niemals“-Aussagen wäre ich vorsichtig. KI unterstützt mich bereits heute in vielen Entscheidungen mit großer Kompetenz und die Lebensbereiche, in denen ich davon profitiere, nehmen mit jeder Entwicklungsstufe von Monat zu Monat zu.